Als Mercedes-Benz 2008 den OM651 Motor vorstellte, galt der neue Vierzylinder-Diesel als technischer Meilenstein – gar als „Wundermotor“. Leicht, effizient, durchzugsstark und modular einsetzbar – vom A- bis zum S-Modell. Millionenfach gebaut, sollte er zum Rückgrat der Marke werden. Doch schon in den ersten Jahren zeigte sich, dass der hochmoderne Motor nicht nur Stärken, sondern auch gravierende Schwachstellen besitzt, die bis heute für Diskussionen sorgen.
Eine Steuerkette als Dauerbaustelle
Besonders viel Kritik zog die Steuerkette des OM651 auf sich. Während viele Hersteller in dieser Zeit wieder auf robuste Duplex-Ketten setzten, entschied sich Mercedes für eine neue Simplex-Rollenkette – und damit für ein Risiko. Schon früh traten hierbei Probleme auf: Gelängte Ketten, verschlissene Zahnräder und ein zu schwacher Kettenspanner führten zu klackernden Kaltstartgeräuschen und im schlimmsten Fall zu kapitalen Motorschäden. Die Ursachen lagen dazu nicht nur in der Konstruktion. Da die Kette auf der „falschen“, nämlich der abtriebsseitigen Motorseite sitzt, ist der Austausch dazu extrem aufwendig und kostspielig. Gerade bei älteren Fahrzeugen mit hoher Laufleistung ist der Zustand der Steuerkette daher immer ein entscheidender Punkt bei der Kaufberatung.
Ölverlust durch fehlerhafte Dichtringe
Ein weiteres wiederkehrendes Problem betrifft den Kettenspanner selbst. In bestimmten Produktionszeiträumen wurden fehlerhafte Dichtringe verbaut, die zum Austreten von Motoröl führen konnten. Das war nicht nur eine schmierige Angelegenheit, sondern auch eine sicherheitsrelevante, denn im Ernstfall konnte der Ölverlust den Motor nachhaltig beschädigen. Mercedes reagierte damals mit einer groß angelegten Rückrufaktion, bei der betroffene Fahrzeuge überprüft und überarbeitete Spanner verbaut wurden. Dennoch sind bis heute am Gebrauchtmarkt Fahrzeuge unterwegs, bei denen unklar ist, ob die Maßnahme auch durchgeführt wurde.
Auch das Kühlsystem des OM651 machte immer wieder Probleme. Besonders der Kühlmittelanschluss am Zylinderkopf zeigte sich bei manchen Modellen undicht. Die Folge: schleichender Kühlmittelverlust, der häufig erst spät erkannt wurde. Zwar wurde das Problem ebenfalls durch eine Serviceaktion adressiert, doch wie bei vielen Rückrufaktionen hängt die tatsächliche Durchführung vom Wartungsverhalten der Vorbesitzer ab.
Injektoren: Die Achillesferse der stärkeren Modelle
Mercedes setzte beim OM651 zunächst auf moderne Piezo-Injektoren, die besonders fein dosieren sollten. In der Praxis entpuppten sie sich jedoch als störanfällig. Ruckeln, unruhiger Motorlauf, erhöhter Verbrauch und schlechtere Abgaswerte waren die spürbaren Folgen. Während die 220-CDI-Modelle bereits ab 2010 auf robustere Magnetinjektoren umgestellt wurden, blieb der 250 CDI teilweise bis zum Ende der Baureihe mit den problematischen Piezo-Elementen ausgerüstet – und ist deshalb bis heute für viele Werkstätten ein Sorgenkind.
Abgasskanal trifft auch OM651
Wie viele moderne Diesel geriet auch der OM651 im Zuge des Dieselskandals in den Fokus der Behörden. Unzulässige Abschalteinrichtungen führten zu Rückrufen und Software-Updates. Für Käufer eines gebrauchten OM651 ist es deshalb unerlässlich zu prüfen, ob die entsprechenden Maßnahmen durchgeführt wurden – denn nicht aktualisierte Fahrzeuge drohen im schlimmsten Fall stillgelegt zu werden.
Weitere Schwachpunkte: Ruß, AGR und Wärmetauscher
Wie bei vielen modernen Dieselmotoren treten mit zunehmender Laufleistung auch zusätzliche Probleme auf: Verkokende AGR-Ventile, zugesetzte Ansaugwege, verschlissene Turbolader oder Undichtigkeiten im Öl-/Kühlmittel-Wärmetauscher. Diese Schäden sind nicht spezifisch für den OM651, aber sie treten durch die hohe thermische Belastung des Motors manchmal früher auf als erwartet.
Ein starker, aber anspruchsvoller Motor
Der OM651 ist kein schlechter Motor – im Gegenteil, viele Exemplare erreichen problemlos Laufleistungen von über 300.000 Kilometern. Entscheidend ist allerdings der Umgang mit ihm. Wer regelmäßige Ölwechsel einhält, auf die bekannten Schwachstellen achtet und Rückrufmaßnahmen ernst nimmt, kann einen langlebigen, wirtschaftlichen Antrieb erhalten. Ignoriert man jedoch Warnsignale wie rasselnde Startgeräusche oder sinkende Kühlmittelstände, kann der vermeintliche Stern am Diesel-Himmel schnell auch teuer werden.
Bilder: Mercedes-Benz Group AG







