Mercedes-Benz galt lange als einer der wenigen Hersteller, die den Mut hatten, das Thema autonomes Fahren nicht nur zu versprechen, sondern in die Serie zu bringen. Der DRIVE PILOT der S-Klasse bzw. im EQS war mehr als ein Assistenzsystem – er war ein Statement. Umso größer ist nun die Aufmerksamkeit, die der Verzicht auf das Level-3-System im Zuge der Modellpflege der S-Klasse erzeugt. Doch so überraschend dieser Schritt auf den ersten Blick wirkt, so folgerichtig ist er bei näherer Betrachtung.
Der DRIVE PILOT war technisch mehr als beeindruckend, aber praktisch oft bedeutungslos. Wer ihn je im Alltag nutzen wollte, brauchte Geduld, Glück – und sehr spezifische Umstände. Freigegebene Autobahnabschnitte, passende Verkehrslage, ideales Wetter, moderate Geschwindigkeit. Autonomes Fahren fühlte sich weniger nach Freiheit an als nach einem seltenen Sonderfall. Für ein System, das einen erheblichen Aufpreis kostete und enorme technische Ressourcen band, ist das eine ernüchternde Bilanz.
Mercedes zieht nun die Konsequenz – und das verdient Respekt. Denn in einer Branche, die seit Jahren von vollmundigen Autonomie-Versprechen lebt, ist ein Rückzug kein Zeichen von Schwäche, sondern von Realismus. Autonomes Fahren auf Level 3 ist kein evolutionärer Zwischenschritt, sondern ein juristischer, technischer und wirtschaftlicher Sonderfall. Der Moment, in dem die Verantwortung vom Menschen auf die Maschine übergeht, macht Systeme teuer, komplex und schwer skalierbar.
Gleichzeitig offenbart der Schritt ein grundlegendes Missverständnis der vergangenen Jahre: Kunden wollten nie Autonomie um jeden Preis. Sie wollten Komfort, Entlastung, Sicherheit – und vor allem Verlässlichkeit. Moderne Level-2-Systeme können heute genau das bieten: stressfreies Fahren im Stau, souveräne Autobahnassistenz, spürbare Entlastung im Alltag. Der Unterschied: Der Fahrer bleibt verantwortlich. Und genau das scheint derzeit die ehrlichste Lösung zu sein.
Natürlich kratzt der Verzicht am technologischen Selbstverständnis der Marke. Die S-Klasse war stets das Schaufenster des Machbaren. Doch Prestige entsteht nicht durch das, was theoretisch möglich ist, sondern durch das, was im Alltag überzeugt. Ein System, das fast immer verfügbar ist, schlägt eines, das nur gelegentlich glänzt.
Der DRIVE PILOT war seiner Zeit voraus – nicht technologisch, sondern gesellschaftlich und regulatorisch. Weder Infrastruktur noch Gesetzgebung noch Kundenmentalität sind bereit für einen breiten Level-3-Einsatz. Das Eingeständnis dieser Realität ist kein Scheitern, sondern ein notwendiger Zwischenschritt.
Der eigentliche Fortschritt liegt nun darin, das autonome Fahren von seinem Mythos zu befreien. Weniger Vision, mehr Nutzen. Weniger Demo, mehr Alltag. Wenn Mercedes diesen Weg konsequent weitergeht, könnte der Verzicht auf den DRIVE PILOT rückblickend als das gelten, was er wirklich ist: ein seltener Moment industrieller Ehrlichkeit.
Symbolbilder: Mercedes-Benz Group AG





