Targa-Florio Rennwagen von 1924 zurück auf der Straße

100 Jahre nach dem Triumph von Mercedes im legendären Langstreckenrennen Targa Florio auf Sizilien am 27. April 1924 kehrt ein damals eingesetzter Mercedes 2-Liter-Rennwagen zurück auf die Straße. Mercedes-Benz Classic hat das Fahrzeug der unternehmenseigenen Sammlung nach höchsten Maßstäben der Authentizität restauriert. 2024 wird es bei internationalen Events präsentiert. Der Rennwagen mit dem charakteristischen roten Lack ist ein Highlight in 130 Jahren Motorsport von Mercedes-Benz.

Targa-Florio Rennwagen von 1924 zurück auf der Straße

Die Targa Florio ist Anfang der 1920er-Jahre eine Spitzenveranstaltung im europäischen Motorsport. Sie bietet deutschen Unternehmen eine wichtige Chance. Denn diese sind nach dem Ersten Weltkrieg zunächst von der Teilnahme an der Grand-Prix-Europameisterschaft ausgeschlossen. Mercedes holt 1921 Platz 2 des Gesamtklassements, und 1922 gewinnt ein Privatfahrer auf Mercedes. Mit einem neuen Rennwagen tritt die Marke 1924 wieder an. Das Fahrzeug basiert dabei auf Entwürfen von Paul Daimler. Zur Einsatzreife entwickelt es jedoch Ferdinand Porsche, seit April 1923 technischer Leiter und Entwicklungsvorstand der Daimler-Motoren-Gesellschaft.

Einsatz & Sieg bei der Targo Florio

Auf eigener Achse fuhr die Rennmannschaft mit vier 2-Liter-Wettbewerbsfahrzeugen von Stuttgart nach Sizilien. Drei dieser Rennwagen setzte Mercedes bei der Targa Florio und der Coppa Florio ein. Ein Clou war der eigentlich den italienischen Fahrzeugen vorbehaltene rote Lack: Er soll im Rennen eventuelle Behinderungen durch italienische Fans vermeiden. Deutsche Rennwagen waren damals üblicherweise weiß lackiert. Mercedes-Werksfahrer Christian Werner gewann die Targa Florio über eine Distanz von 432 Kilometern (vier Runden zu je 108 Kilometern) im Rennwagen mit der Startnummer 10. Er benötigte dafür 6:32:37,4 Stunden.

Es war der erste Sieg eines nicht aus Italien stammenden Fahrers bei der Targa Florio. Bei den Rennwagen bis 2 Liter Hubraum führte Werner zudem einen dreifachen Klassensieg des Teams an. In der Gesamtwertung kam Christian Lautenschlager (Startnummer 32) auf Platz 11, Alfred Neubauer (Startnummer 23) auf Platz 16. Die Mercedes-Mannschaft erhielt die Coppa Termini als bestes Fabrikteam. Anschließend machte Werner den Erfolg perfekt: Für die Wertung der Coppa Florio war eine weitere Runde zu fahren. Der Werksfahrer aus Stuttgart siegte so nach insgesamt 8:17:1,4 Stunden auch in diesem Wettbewerb. Seine Teamkollegen kommen auf die Plätze 9 (Lautenschlager) und 13 (Neubauer).

Targa-Florio Rennwagen von 1924 zurück auf der Straße

Targa-Florio Rennwagen von 1924 zurück auf der Straße

Projekt seit 2022

Im Jahr 2022 beschloss Mercedes-Benz Classic, den originalen 2-Liter-Targa-Florio-Rennwagen der unternehmenseigenen Sammlung für das Jubiläum nach den hohen Ansprüchen einer Werksrestaurierung so authentisch wie möglich wieder aufzubauen. Es ist das Fahrzeug, mit dem Christian Lautenschlager 1924 die Targa Florio absolviert. Werners Siegerwagen ist hingegen nicht erhalten. Auf die Ausbringung des Rennwagens aus dem Mercedes-Benz Museum folgen eine akribische Bestandsanalyse und die umfassende Recherche in den Archiven von Mercedes-Benz Classic – dem Gedächtnis der Marke. Originale technische Zeichnungen und historische Fotos sind entscheidende Quellen für die authentische Restaurierung. Diese führte das Classic Center zusammen mit einem Expertennetzwerk aus.

Projekthighlights:

  • Reparatur des Kompressormotors: Dazu gehören Schweißarbeiten am Gehäuse, das Überarbeiten der originalen Nockenwellen und Wiederherstellen von Schraubverbindungen mit zeittypischen, hybriden Gewinden.
  • Karosseriearbeiten: Der durch einen privaten Kunden in den 1920er-Jahren umgebaute Rennwagen wird nach den historischen Plänen in seinen Originalzustand zurückversetzt.
  • Lackierung: Die detaillierte Analyse kleiner Reste des ursprünglichen Lacks gibt Aufschluss über Farbgebung und Methode der Lackierung von 1924. Der Rennwagen wird von Hand mit dem Pinsel und der rekonstruierten Leinölfarbe neu lackiert.

Targa-Florio Rennwagen von 1924 zurück auf der Straße

Targa-Florio Rennwagen von 1924 zurück auf der Straße

Korrekter Lack

Bei sämtlichen Schritten erhielten die Experten des Classic Centers und die externen Partner die originale Substanz so umfassend wie möglich. Beispielsweise blieben Spuren vergangener Karosseriemodifikationen unter dem historisch korrekten Lack nachvollziehbar. Sehr empfindliche originale Komponenten wurden zusätzlich geschont. So ersetzt etwa eine detailgetreue Reproduktion das Lenkrad von 1924 für Fahreinsätze im Jubiläumsjahr.

Dass die Targa-Florio-Rennwagen von Mercedes vor 100 Jahren mit ihrer roten Lackierung auffallen, ist verbürgt. Doch um welchen Farbton genau handelt es sich? Das galt es zu Beginn der Restaurierung zu klären. Das Problem: Die italienische Rennfarbe ist nicht genau definiert. Und selbst wenn sie es Anfang der 1920er-Jahre gewesen wäre, gab es damals noch keine einheitlichen internationalen Regeln für klar festgelegte Farbtöne. Die RAL-Farbtabelle beispielsweise wurde erst 1927 eingeführt.

Als Expertin für den historischen Lack kam Dr. Gundula Tutt ins Projekt. Sie ist Restauratorin mit Schwerpunkt auf historische Fahrzeuglackierungen und farbforensische Untersuchungen. Entscheidend für den Erfolg: Das Team fand Spuren originaler Farbreste an einer schwer zugänglichen Stelle des Fahrzeugrahmens. Von diesen Spuren wurde eine Probe genommen und für die Analyse unter dem Mikroskop vorbereitet. Dort zeigte sich der mehrschichtige Aufbau mit Grundierung, Lackschichten und Firnis. So konnte das authentische Pigment für die Restaurierung bestimmt werden.

Targa-Florio Rennwagen von 1924 zurück auf der Straße

Karosseriearbeiten

Bei den Karosseriearbeiten nahm Mercedes-Benz Classic die Historie zum Vorbild: Der Rennwagen erhielt wieder exakt jene Form, in der er 1924 gebaut und bei der Targa Florio eingesetzt wurde. Die Spuren des Umbaus aus den 1920er-Jahren blieben unter dem Lack an der originalen Substanz nachvollziehbar. Schließlich gehört auch dieses Kapitel zur Biografie des Fahrzeugs. Ausgeführt wurden die Arbeiten in Zusammenarbeit mit MCW Carrosserie en Wagenbouw, dem Spezialbetrieb der Familie van der Meij aus Putten in den Niederlanden.

Originalgetreuer Lack

Die restaurierte Karosserie erhielt im nächsten Schritt den originalgetreuen Lack. Dazu gehören das historisch korrekte Pigment und eine Farbe auf Leinölbasis. Auch die Ausführung folgt den Prinzipien in der Mercedes Rennwerkstatt vor 100 Jahren: Auf die Grundierung trug Volker Lück, Kunsttischler und Restaurator im Handwerk, in aufwendiger Handarbeit den roten Lack in bis zu zehn hauchdünnen Schichten auf. Wichtig für eine authentische Wirkung der Rennwagenfarbe sind dabei sichtbare Pinselstrukturen in der Lackoberfläche. Sie sind auf zeitgenössischen Fotos von der Targa Florio 1924 auszumachen – das Finish der Wettbewerbsfahrzeuge unterscheidet sich deutlich von der hochglänzenden Lackhaut der damaligen Luxuspersonenwagen von Mercedes.

Ein Projektschwerpunkt war die Restaurierung und Wiederinbetriebnahme des 2-Liter Kompressormotors. Dieses Herz des Targa-Florio-Rennwagens verlangte unter anderem nach Schweißarbeiten am Motorgehäuse und der Überarbeitung der Nockenwellen. Diese Spezialarbeiten fanden zusammen mit dem externen Experten Dieter Braun statt. Zu den Herausforderungen gehörte auch das Wiederherstellen von Schraubverbindungen mit zeittypischen, hybriden Gewinden. Diese hatten  zum Teil metrische Durchmesser und zugleich zöllige Gewindesteigungen. Sie werden mit eigens gefertigten Werkzeugen neu hergestellt. Vor dem Einbau ins Fahrzeug lief der Motor zunächst auf dem Prüfstand.

Targa-Florio Rennwagen von 1924 zurück auf der Straße

Im April 2024 absolvierte der Rennwagen seine erste Ausfahrt nach der Restaurierung auf der Einfahrbahn des Mercedes-Benz Werks Untertürkheim (siehe oben eingebundenes Video!). Hier wurde das Fahrzeug vor 100 Jahren in der Rennwerkstatt auch gebaut. Und es startet von dort 1924 auch zur Fahrt nach Sizilien, die mit einem der großen Erfolge in 130 Jahren Motorsportgeschichte von Mercedes-Benz endet.

Bilder: Mercedes-Benz Group AG