Fahrtest: Wie der Mercedes eArocs 400 den Bau erobert

Mit 612 PS und bis zu 44 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht schickt Mercedes-Benz Trucks seinen ersten batterieelektrischen Baustellen-Lkw ins Rennen. Wir haben den eArocs 400 bei einer Fahrveranstaltung im Gelände erlebt – und geprüft, ob der Elektro-Schwerlaster aus der Kleinserienfertigung dem Diesel-Original tatsächlich das Wasser reichen kann. Verfügbar als 8×4 Variante als 32- und 41-Tonner in verschiedenen Radständen hat er gute Voraussetzungen.

Vom Messestand auf die Baustelle

Der eArcos 400 feierte bereits im April 2025 auf der Fachmesse bauma in München seine Premiere, und ist – wie angekündigt – seit Apri 2026 bestellbar und wird ab Oktober produziert. Hergestellt  wird das Modell als reines Grundfahrzeug „Glider“ ohne Antrieb im Mercedes-Benz Werk in Wörth, der rein elektrische Antriebsstrang wird im Rahmen einer Kleinserienfertigung von der Paul Group im niederbayrischen Vilshofen an der Donau integriert. Die Paul Group verbaut Antrieb, Frontbox, Akkus sowie optionale Nebenantriebe.

Bei einer Fahrveranstaltung auf dem Offroad-Gelände des Coreum in Stockstadt am Rhein könnten wir uns nun auch erstmals fahrend hinter des Steuer eines Vorserienmodells setzen und den eArcos 400 mit 800 Volt Technik unter praxisnahen Bedingungen erleben – mit der Radformel 8×4/4, d.h. doppelt Lenkachsen vorne und zwei heckangetriebene Achsen.

Es ist durchaus keine Überraschung, das Mercedes beim eArcos auf keine Neuentwicklung setzt, sondern bewährtes konsequent elektrifiziert. So ergänzt das Modelll die dieselbetriebene Arocs-Baureihe, die seit Jahren als Fahrgestell für Kipper, Fahrmischer und andere Baustellenaufbauten dient. Zielgruppe speziell für die Nutzung des eArcos 400 sind nun vor allem Betriebe, die in Innenstädten, Wohngebieten, kommunalen Umweltzonen oder auf Baustellen mit nächtlichen Arbeitszeiten unterwegs sind – überall dort also, wo lokale Emissionsfreiheit und ein niedriger Geräuschpegel gefragt sind – und genau da spielt das Fahrzeug auch seine Vorteile aus. Gegenüber dem Dieselantrieb hat das Fahrzeug jedoch ein etwa 2,5 Tonnen höheres Eigengewicht, was sich auf die maximale Zuladung auswirkt.

Kraftvoller Antritt

Unter dem M-Fahrerhaus (ClassicSpace mit 2,3 Meter Breite) arbeitet ein Zentralmotor mit integriertem Dreiganggetriebe, der dauerhaft 380 kW (517 PS) leistet und kurzzeitig bis zu 450 kW (612 PS) mobilisiert. Schon beim ersten Anfahren wird klar: Der elektrische Antritt steht – auch mit Beladung von mehreren Tonnen Schotter – dem Diesel-Original in nichts nach, im Gegenteil – das nahezu verzögerungsfreie Drehmoment sorgt gerade beim Rangieren und bei Steigungen im Gelände für ein souveränes Gefühl. Mercedes kombiniert den Elektroantrieb bewusst mit den vom Verbrenner-Arocs bekannten Hypoid- und Außenplanetenachsen, um die hohe Bodenfreiheit und Geländegängigkeit des Fahrzeugs zu erhalten. Aus demselben Grund sind die Fahrbatterien in einem Batterieturm hinter dem Fahrerhaus untergebracht. Anstelle der im eActros 600 eingesetzten E-Achse kommt hier jedoch ein „CeTrax“-Elektroantrieb von ZF mit integriertem Dreiganggetriebe zum Einsatz. Der Fahrzeugrahmen stammt hingegen vom Diesel-Actros.

Die Tandem-Antriebsachsen liefern auf losem Baustellenuntergrund ebenso zuverlässig Traktion wie auf der Straße – ein Detail, das auch im Testgelände spürbar wurde, wenn der Lkw über (zumindest leicht) aufgeweichte Fahrspuren und lose Schotterpisten manövrierte. Für uns eher ungewohnt waren hingegen lediglich die zwei gelenkten Vorderachsen, die beim Lenken durchaus spürbar sind – aber auch hier gleicht das Modell seiner Verbrennervariante.

Energie liefern zwei Lithium-Eisenphosphat-Batteriepakete mit jeweils 207 kWh, zusammen also 414 kWh installierter Kapazität. Je nach Aufbau kommt der eArocs 400 so auf bis zu 200 Kilometer Reichweite als Fahrmischer beziehungsweise bis zu 240 Kilometer als Kipper, jeweils ohne Zwischenladen – Werte, die sich an typischen Tagesdistanzen im regionalen Baustellenverkehr orientieren und so nicht zum Problem werden sollten. Geladen wird über eine der CCS2-Anschlüsse auf beiden Fahrzeugseiten mit bis zu 400 kW Ladeleistung; unter guten Bedingungen soll der Ladestand so in rund 46 Minuten von zehn auf 80 Prozent steigen.

Mercedes gab auf Rückfrage zur Reichweite an, das diese auf Basis von internen Simulationen mit einen 8×4 Kippert mit 32t zGG im 8-Stunden Kipper-Betrieb bei 20 Grad Außentemperatur ermittelt wurde und aufgrund zahlreiche Faktoren, u.a. Topografie, Wetter, Geschwindigkeit, Nebenverbraucher sowie vor allen auch der Fahrweise von der EU-Verordnung 2017/2400 abweichen kann.

Aufbauten direkt vom Fahrzeug versorgt

Ein zentrales Element des Konzepts ist der elektrische Nebenabtrieb, über den sich hydraulische oder vollelektrische Aufbauten direkt aus der Fahrzeugbatterie speisen lassen. Beim auf der bauma gezeigten Liebherr-Fahrmischer HTM 905 übernimmt ein elektrischer Nebenabtrieb die Versorgung des hydraulischen Trommelantriebs, wodurch ein zusätzlicher Verbrennungsmotor am Aufbau überflüssig wird. Alternativ ist auch eine vollelektrische Mischerlösung möglich, etwa aus Zoomlions ENERGYA-Serie mit zehn Kubikmetern Nennvolumen. Ergänzt wird das Portfolio um Kipperaufbauten von Meiller. Wie Stina Fagerman, Leiterin Marketing, Vertrieb und Services bei Mercedes-Benz Trucks, zur Konzeption des Fahrzeugs erklärte, sei die Reichweite gezielt auf die wesentlichen Anwendungen im Bauverkehr zugeschnitten.

Cockpit nahezu wie gewohnt

Wer schon einmal einen konventionellen Arocs gefahren hat, findet sich im eArocs 400 sofort zurecht und muss sich entsprechend auch nicht umstellen. Identisch zum eActros 600 stehen drei Fahrmodi zur Verfügung: „Economy“, „Range“, oder „Power“, die sich mittels Lenkstockhebel einstellen lassen – hierrüber sind auch die drei Rekuperationsstufen verstellbar, wie auch der „Boost“ für kurzzeitig mehr Vortrieb. Das Anfahren erfolgt im zweiten Gang, bei voller Beladung oder am Berg bzw. Gelände nutzt das Fahrzeug einen Gang niedriger. Ab ca. 40 km/h wird in den dritten Gang gewechselt.

Das vollverzinkte M-Fahrerhaus bietet zusätzlichen Stauraum, optional eine Liege und eine auf den Baustelleneinsatz zugeschnittene Ausstattung. Serienmäßig an Bord ist das Multimedia Cockpit Interactive 2 mit digitalem Kombiinstrument, zentralem Touchscreen und Sprachsteuerung; über frei belegbare Favoritenfunktionen lassen sich häufig genutzte Fahrzeug- und Aufbaufunktionen mit einem Fingertipp ansteuern – im Testbetrieb eine echte Erleichterung, wenn zwischen Fahren und Bedienen des Aufbaus gewechselt werden muss. Die wichtigsten Funktionen dazu sind am Display mittels Direktwahltasten ansteuerbar.

Bei der Sicherheit setzt Mercedes auf aktuelle Assistenzsysteme wie Active Brake Assist 6 Plus, Active Sideguard Assist 2 und Front Guard Assist, die besonders beim Rangieren und im dichten Stadtverkehr unterstützen.

Fazit

Der eArocs 400 fühlt sich im Testbetrieb überraschend vertraut an – und genau das ist sein größtes Kompliment. Mercedes hat kein Elektro-Experiment auf die Räder gestellt, sondern einen waschechten Baustellen-Lkw, der die Stärken des bewährten Arocs mit den Vorteilen des E-Antriebs verbindet: kraftvoller, leiser Antritt, erhaltene Geländegängigkeit und die Möglichkeit, Aufbauten emissionsfrei mitzuversorgen. Die Reichweite von 200 bis 240 Kilometern mag auf dem Papier bescheiden wirken, deckt im straßennahen Bauverkehr mit seinen kurzen Tagesdistanzen aber die meisten Einsätze vollständig ab. Abends im Depot geladen ist für den Fahrer auch deutlich bequemer im Alltag.  Wer in lärmsensiblen Innenstädten, Umweltzonen oder im Nachteinsatz unterwegs ist, bekommt mit dem eArocs 400 eine ernstzunehmende Alternative zum Diesel – zunächst allerdings nur in einer auf rund 150 Fahrzeuge pro Jahr limitierten Kleinserie.

Bilder: Daimler Truck AG

17 Kommentare
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Richard
14 Tage zuvor

Die Politik ist hier dringend gefragt, was spricht dagegen, den E-Modellen ein im Verhältnis nur leicht erhöhtes Gesamtgewicht zuzusprechen? Die Hardware hält das locker aus und ein potentieller Anreiz des Verbrennungsmotors fällt weg. Die Zugeständnisse im Bereich PKW waren da deutlich höher, ich denke da an E-SUVs mit über 2,5 to Leergewicht, was ökologisch so überhaupt keinen Sinn ergibt.

Quenti
Reply to  Richard
13 Tage zuvor

Die Politik genehmigt das. Ein Teil des Mehrgewichts wird ausgeglichen. Das Problem liegt hier eher in den zulässigen Achslasten und da ist nicht viel drin

CH-Elch
Reply to  Quenti
13 Tage zuvor

5 Achsen wären drinn bei 42 Tonnen. Will man nicht?

Quenti
Reply to  CH-Elch
12 Tage zuvor

Das wäre beim Verbrenner das gleiche Thema. Hat sich nicht durchgesetzt. Schon mit 4 Achsen gelten die Kisten als ziemlich unhandlich. Mit 5 wird es noch schwieriger. Dann müsste die letzte Achse eine Lenkachse sein.
In der Schweiz gibt es sowas manchmal, aber außerhalb nicht üblich.

Ist halt die Frage was man will. Will man nur „mehr“ mitnehmen, geht es in Richtung Sattelzug oder LKW+Anhänger. Für den schweren Einsatz auf der Baustelle bleibt man dann beim Solo-LKW mit 4 Achsen – schon der erfordert Abstriche beim Fahrverhalten auf der Straße. Die Möglichkeit mit 5 Achsen scheint nichts zu bringen.

CH-Elch
Reply to  Quenti
12 Tage zuvor

In der Schweiz kann man die 5 Achser sehr wohl als Standard ansehen, bei Kipper, Betonmischer, Betonpumpen, Abrollcontainer, Kranfahrzeuge mit Brücke, etc. – durchaus auch auf Actros’en. Entweder mit Lenkachse zuhinterst oder 3 Lenkachsen vorne. 4-Achser sind hier mittlerweile die Exoten, vielleicht in Regionen wo man eher ein wendigeres Fahrzeug braucht. Gibts die sonst nicht? Werden die 5-Achser nicht ab Werk produziert?

Quenti
Reply to  CH-Elch
11 Tage zuvor

Ich bin mir nicht sicher. Ich meine das sind Umbauten. Auch da außerhalb der Schweiz praktisch nicht existent. Für Kranfahrzeuge sieht man sowas mal aber sonst nie. Auf der Website habe ich auch derartiges nicht gesehen. Werden also Umbauten sein.

Wie gesagt, außerhalb der Schweiz sieht man die Vorteile wohl nicht. Entweder 4 Achser oder Anhänger/Auflieger.

CH-Elch
Reply to  Quenti
12 Tage zuvor

In der Schweiz kann man die 5 Achser sehr wohl als Standard ansehen, bei Kipper, Betonmischer, Betonpumpen, Abrollcontainer, Kranfahrzeuge mit Brücke, etc. – durchaus auch auf Actros’en. Entweder mit Lenkachse zuhinterst oder 3 Lenkachsen vorne. 4-Achser sind hier mittlerweile die Exoten, vielleicht in Regionen wo man eher ein wendigeres Fahrzeug braucht. Gibts die sonst nicht? Werden die 5-Achser nicht ab Werk produziert?

Quenti
Reply to  CH-Elch
11 Tage zuvor

Kleiner Tipp: Auch wenn man eine Fehlermeldung angezeigt bekommt, geht der Kommentar beim ersten Klick durch. Auch wenn es so aussieht als ob nichts passiert wäre. Lässt man sich davon täuschen kommt es zu nervigen Doppelpostings

Fan mit Vorbehalt
14 Tage zuvor

612 PS – da kuckt AMG-Ali neidisch aus der Wäsche !

L.Element
13 Tage zuvor

in den daimlern sitzt man wie der frosch auf der gießkanne und dank der riesen schaufenster in den türen ist sonnenbrand auf dem linken knie und dem linken arm garantiert.
diese berfluchten schrottmühlen… und dann auch noch akku. nüscht mehr mit fahrzeug vor der haustüre parken.
aber gibt ja wahrscheinlich genug dumme die das geil finden.
drei mal steinbruch, akku leer, perfekt für halbtags muttis… *abwink

Tom
Reply to  L.Element
13 Tage zuvor

Selten mehr Blödsinn gelesen als in deinem Posting….

Rainer
Reply to  L.Element
13 Tage zuvor

Also mit dem Akku ist es denke ich nicht so schlimm.
Trotzdem wäre es gut, wenn Ihr mal in so einen Jahr nochmal einen Bericht machen könntet, wo dann jemand über den Alltag berichtet.

Quenti
13 Tage zuvor

Ich kann die Entscheidungen nachvollziehen, bin aber dennoch enttäuscht.
Mit dem eActros hat man gut vorgelegt. Das ist keine Bastelei, sondern eine Anpassung des ganzen Fahrzeugs auf einen effizienten E-Antrieb.

Der eArocs ist eine Bastelbude. Man baut eigentlich einen Verbrenner um. Die eigentlichen Vorteile wie direkt angetriebene Achsen, Integration der Batterie usw. hat man alle nicht. Das macht ihn schwer und unattraktiv. Die Reichweite ist arg knapp.

Ich kann Mercedes verstehen. E-LKW laufen aktuell gut weil sie auf der Langstrecke trotz ca. 2,5x Kaufpreis viel Geld sparen. Neben dem billigeren Strom entfällt auch die Maut. Ein schwerer Kipper macht nicht ansatzweise so viele Kilometer und noch weniger auf Mautstraßen. Bei den aktuellen Preisen rentiert sich das kaum. Aufgrund des Mehrgewichts dann gar nicht.

Man wird den aus drei Gründen haben:

  • Als Alibimodell für Großkunden. Also solche die sich stolz einen bestellen um dann werbewirksam zu zeigen, dass man das jetzt testet
  • Für kommunale Kunden die das teilweise als Vorgabe haben könnten und die Konkurrenz zum Teil noch blank dasteht. Wobei ich selbst da die Nutzbarkeit (z.B. im Winterdienst) aufgrund der begrenzten Reichweite als zu gering sehe.
  • Einige chinesische Hersteller sind daran mit elektrischen LKW in den europäischen Markt zu drängen. Sany ist da gerade sehr fleißig im Bausegment in dem sie Betonmischer und -pumpen (Putzmeister) mit den konzerneigenen Elektrolastern kombinieren. Da will man das Feld der Konkurrenz nicht mal eben überlassen.

In meinen Augen fehlen da seitens Mercedes geeignete Modelle. Beim eActros noch mehr Sondermodelle bzw. Modelle für den schweren Verteilerverkehr. Und eben ein richtiger eArocs sollte in ein paar Jahren unbedingt da sein. Gerade für den leichteren Bauverkehr. Also z.B. für Kipper die eher anliefern.

Quenti
Reply to  Markus Jordan
13 Tage zuvor

Ich dachte ich hätte immer nur „Mercedes“ geschrieben.

An der Stelle möchte ich aber klugscheißen. Gleich der erste Satz des Artikels spricht von „Mercedes-Benz Trucks“. Später ein Mercedes-Benz-Werk Wörth und der Link betitelt auch einen mercedes earocs400.

Ich bin da dann wohl etwas überfordert es richtig zu verwenden. Im Artikel wird durchgängig von „Mercedes“, „Mercedes-Benz“ oder „Mercedes-Benz Trucks“ gesprochen. Die Bilderunterschriften sagen „Daimler Truck“. Wann ist denn nun was richtig?

CH-Elch
13 Tage zuvor

Wieso kein 5-Achser mit entsprechend längerer Pritsche und dann 42 Tonnen?