Mercedes-Benz: Das Rätsel um die Nachfolge von Finanzchef Harald Wilhelm

Bei Mercedes-Benz wird in den kommenden Monaten eine der wichtigsten Personalien des Konzerns entschieden, und bislang weiß es kaum jemand. Die Amtszeit von Finanzvorstand Harald Wilhelm endet im März 2027. Ob er bleibt, ob ein Nachfolger aus den eigenen Reihen kommt oder ob der Aufsichtsrat extern sucht, hat das Unternehmen bislang nicht erklärt.

Eine Entscheidung mit knapper Frist

Wilhelm führt das Ressort Finanzen und Controlling seit 2019. Damals wechselte er vom Flugzeugbauer Airbus, wo er ebenfalls Finanzchef war, zum damaligen Daimler-Konzern. Im April wird der gebürtige Münchner 60 Jahre alt, sodass nach den internen Regeln nur noch eine Verlängerung um jeweils ein Jahr möglich wäre.

Üblich ist bei Mercedes nach Berichten, eine solche Entscheidung etwa ein Jahr vor Ablauf der Amtszeit zu verkünden, spätestens aber ein halbes Jahr vorher. Dieses Fenster ist praktisch verstrichen. Für einen externen Kandidaten wäre die Zeit zudem knapp: Wer von außen kommt, braucht mehrere Monate, um sich in einem Konzern dieser Größe einzuarbeiten.

Warum der Zeitpunkt so sensibel ist

Die Unsicherheit trifft Mercedes in einer schwierigen Phase. Der Absatz in China ist stark zurückgegangen, und die Renditeerwartungen wurden über die Jahre deutlich nach unten gesetzt. Für die Pkw-Sparte rechnet der Konzern in diesem Jahr nur noch mit einer bereinigten Umsatzrendite von zwei bis drei Prozent. Wilhelm selbst kündigte schon früher an, man werde „jeden Stein umdrehen“, um Kosten zu senken.

Hinzu kommt ein hartes Sparprogramm. Berichten zufolge verlangt der Vorstand von Beschäftigten bis zu fünf Stunden Mehrarbeit pro Woche ohne Lohnausgleich und stellt Sonderzahlungen auf den Prüfstand. Das Ziel bei den Arbeitskosten liegt demnach bei 800 Millionen Euro, und im Streitfall stünden zwei deutsche Werke zur Debatte.

In so einer Lage kommt dem Finanzchef eine Schlüsselrolle zu: Er spricht mit Investoren und Analysten, steuert das Sparprogramm und prägt die Kapitalallokation, etwa bei Aktienrückkäufen. Mercedes hat zudem keinen Ankeraktionär aus einer Eigentümerfamilie, wie ihn etwa BMW oder Volkswagen haben. Das Vertrauen des Kapitalmarkts hängt damit stärker an der Person im Finanzressort.

Die drei Szenarien

1. Wilhelm bleibt ein weiteres Jahr. Die Altersregel des Konzerns erlaubt eine Verlängerung um zwölf Monate. Das wäre die Lösung für Kontinuität: Wilhelm kennt das Haus, und Investoren trauen ihm gerade beim Thema Kostendisziplin viel zu. Der Preis wäre, dass die Nachfolgefrage nur um ein Jahr vertagt würde.

2. Olaf Schick rückt auf. Der 54-Jährige kam Ende 2025 von Continental und sitzt bereits im Mercedes-Vorstand. Beim Zulieferer war er Finanzvorstand und begleitete dort die Abspaltung der Autosparte. Früher war er als Finanzchef vor Ort in Russland und China tätig, was in einem Konzern, der so stark von China abhängt, ein Pluspunkt wäre. Er gilt als Teamplayer und Vermittler.

3. Christina Schenck übernimmt. Die 46-Jährige wird in Medienberichten ebenfalls als Kandidatin genannt. Sie stünde für einen deutlichen Generationenwechsel im Ressort. Konkrete Bestätigungen dafür gibt es bisher nicht.

Welche Variante gilt, entscheidet allein der Aufsichtsrat unter Vorsitz von Martin Brudermüller. Er hat sich bislang nicht geäußert.

Was das für Anleger bedeutet

Vertreter großer Fondsgesellschaften mahnen laut Berichten, der Kapitalmarkt dürfe nicht so lange im Unklaren gelassen werden. Dahinter steht eine einfache Überlegung: Wer in einer Phase sinkender Margen und laufender Einsparungen an der Spitze des Finanzressorts wechselt, muss das früh und glaubwürdig kommunizieren, sonst droht ein Vertrauensverlust.

Für die Aktionäre ist die Personalie damit mehr als eine Formalie. Sie zeigt, wie ernst es der Aufsichtsrat mit Planbarkeit und Dialog meint, und sie entscheidet mit darüber, wer die Sparpläne in den kommenden Jahren verantwortet. Spätestens zum Jahreswechsel dürfte der Druck auf das Kontrollgremium wachsen, Klarheit zu schaffen.

Bilder: Mercedes-Benz Group AG