Mercedes-Benz verkauft sein europäisches Schnellladenetz an Electra, hält aber am Gemeinschaftsunternehmen IONITY fest. Das ist kein Widerspruch.
Mercedes-Benz gibt sein eigenes Schnellladenetz in Europa ab. 47 Ladeparks mit zusammen 374 Ladepunkten gehen an den französischen Anbieter Electra, 31 davon liegen in Deutschland, sechs in Österreich. Der Konzern beschloss den Verkauf im Juli, der Vertrag wurde am 3. August unterzeichnet. Den Kaufpreis nennt Mercedes nicht. Zuletzt war das Netz mit 99 Millionen Euro bewertet, bei 21 Millionen Euro Verbindlichkeiten.
Ein Kurswechsel
Der Schritt widerspricht den ursprünglichen Plänen von 2023. Damals startete Mercedes eigene „Charging Hubs“ und kündigte bis Ende des Jahrzehnts weltweit mehr als 10.000 Ladepunkte an. Für Europa war zeitweise von bis zu 500 Standorten die Rede. Übrig geblieben sind knapp 50.
Mercedes begründet den Verkauf mit der Dynamik des Marktes: Viele Anbieter bauten ihre Infrastruktur aus und verbesserten ihre Qualität. Man wolle Ressourcen gezielter einsetzen und sich auf das Kerngeschäft konzentrieren.
Warum IONITY bleibt
Die Beteiligung an IONITY folgt hingegen einer anderen Logik als die eigenen Hubs. Das Joint Venture gründeten 2017 Mercedes, BMW, Audi, Porsche und Ford, später stiegen Hyundai und Kia ein. Mehrere Hersteller teilen sich dort Kosten und Risiko, während Mercedes die eigenen Ladeparks allein tragen musste und unabhängig davon aufbaute. IONITY konzentriert sich zudem auf Autobahnen, wo über die Langstreckentauglichkeit eines Elektroautos entschieden wird. Schon beim Aufbau der eigenen Hubs hatte Mercedes betont, sich nicht aus IONITY zurückzuziehen. Hinweise darauf, dass der Konzern seine Anteile abgibt, gibt es nicht.
Zwei Partner statt eines eigenen Netzes
Electra wird neben IONITY zum zweiten Premium-Partner. Über den Ladedienst MB.CHARGE Public erhalten Mercedes-Kunden vergünstigte Konditionen an mehr als 800 Electra-Standorten mit rund 5.000 Ladepunkten in zehn Ländern. Auch Reservierungen sollen dort möglich sein. Die Standorte bleiben in der Mercedes-App und im Fahrzeug auffindbar. Für Fahrer ändert sich damit wenig, sie bekommen eher mehr Auswahl.
Einordnung
Ein Autobauer ist ganz klar kein Infrastrukturbetreiber. Ladeparks binden Kapital und verlangen Standortentwicklung, Wartung und Stromeinkauf, und sie rechnen sich erst mit Größe. Das ist das Geschäft von Spezialisten wie Electra. Mercedes hat erkannt, dass Kunden vor allem verfügbare, schnelle und bezahlbare Ladepunkte wollen, egal wem sie gehören. Zum Zeitpunkt des Verkaufs zahlt der Konzern trotz sinkender Gewinne Geld an Aktionäre aus, ob der Spardruck mitspielte, lässt sich ohne Kaufpreis nicht beurteilen. Ganz verabschiedet sich Mercedes nicht: In den USA und China betreibt der Konzern vorerst weiter eigene Schnellladestationen.
Bilder: Mercedes-Benz Group AG






