Mercedes verkauft seine Ladeparks in Europa an Electra

Der Stuttgarter Autobauer verkauft seine 47 Ladeparks an den französischen Anbieter Electra. Für Mercedes ist das eine Kehrtwende, für Electra ein Sprung nach vorn.

Noch vor einem Jahr klang bei Mercedes-Benz alles nach Expansion. Jetzt gibt der Konzern sein eigenes Schnellladenetz in Europa ab. Betreiber wird künftig Electra aus Frankreich. 47 Standorte mit zusammen 374 Ladepunkten wechseln den Besitzer. Mercedes-Fahrer sollen davon vor allem über günstigere Preise an fremden Ladesäulen profitieren.

Verkauf seit Monaten beschlossen

Öffentlich wurde der Schritt erst jetzt, entschieden war er schon im Sommer. Laut dem aktuellen Quartalsbericht von Mercedes-Benz fasste der Vorstand den Beschluss im Juli 2026. Den Kaufvertrag unterzeichneten beide Seiten am 3. August und hielten ihn danach monatelang zurück. Einen Kaufpreis nennen weder Mercedes noch Electra. Der Quartalsbericht liefert aber Anhaltspunkte: Das Europa-Netz war zuletzt mit 99 Millionen Euro bewertet, davon 73 Millionen Euro Sachanlagen. Dem standen Verbindlichkeiten von 21 Millionen Euro gegenüber.

Der Schwerpunkt der Übernahme liegt in Deutschland. Von den 47 Ladeparks stehen 31 hierzulande und sechs in Österreich, der Rest verteilt sich auf andere europäische Länder. Electra war erst im Mai 2025 in den deutschen Markt eingestiegen und kommt hier nun von 50 auf 81 Standorte. Das ist ein Plus von mehr als 60 Prozent.

Große Pläne, kleiner Ertrag

Mercedes hatte sein eigenes Ladenetz 2023 mit dem ersten europäischen Hub in Mannheim gestartet. Zuletzt klangen die Ambitionen deutlich größer. Im Herbst 2025 hieß es, das Netz werde stetig ausgebaut und solle binnen eines Jahres in bis zu acht weiteren Ländern entstehen, zusätzlich zu Deutschland, den USA und China. Bis Ende des Jahrzehnts sollten weltweit mehr als 10.000 Schnellladepunkte laufen. Damals waren erst 80 Ladeparks in Betrieb.

Auch technisch wollte Mercedes Maßstäbe setzen. Ab 2026 sollten neue Standorte mit dem Ladesystem HYC1000 des Südtiroler Herstellers Alpitronic ausgestattet werden. Die ersten Anlagen dieser Generation stehen inzwischen in Hamburg-Wandsbek und am Autohof in Wörrstadt. Beide gehen nun mit an Electra.

In Europa führt Mercedes den Aufbau damit nicht mehr selbst fort. Ladeparks in China und den USA betreibt der Konzern vorerst weiter. Dass die Strategie auch dort überprüft wird, wäre nicht überraschend. Der Autohersteller steht unter Kostendruck, und ein eigenes Ladenetz bindet viel Geld in Hardware, ohne zum Kerngeschäft zu gehören.

Electra: Größe als Überlebensfrage

Für Electra ist der Zukauf von ganz anderem Gewicht. Das Unternehmen wächst bisher aus eigener Kraft und durch einzelne Übernahmen, zuletzt etwa eines Ladeparks im baden-württembergischen Wertheim. Mit dem Mercedes-Netz geht es in eine andere Größenordnung. Deutschland-Chef Paul Tonini sagte gegenüber electrive, organisches Wachstum bleibe Teil der Strategie, man beobachte aber auch interessante Netze am Markt.

Seine Analyse der Branche fällt nüchtern aus. Der Betrieb von Schnellladeparks sei kostspielig und rechne sich nur ab einer gewissen Größe. Er erwartet, dass sich der Markt auf immer weniger, dafür größere Anbieter konzentriert. Mercedes liefert dafür ein Beispiel.

Electra betreibt nach eigenen Angaben europaweit mehr als 800 Standorte mit rund 5.000 Ladepunkten in zehn Ländern. Bis 2030 sollen es 15.000 Schnellladepunkte werden. Allein in Deutschland sind für das kommende Jahr 200 Millionen Euro an Investitionen geplant.

Was sich für Mercedes-Fahrer ändert

Wer einen Mercedes fährt, soll von dem Wechsel jedoch wenig merken. An den bisherigen Standorten bleibt das Ladeerlebnis nach Angaben der Partner weitgehend gleich. Über den Ladedienst MB.CHARGE Public gilt Electra künftig als Premium-Partner mit vergünstigten Roaming-Tarifen an allen mehr als 800 Standorten. Bisher trug diesen Status nur Ionity, an dem Mercedes beteiligt ist. Auch Funktionen wie die Reservierung von Ladepunkten, die bislang den eigenen Parks vorbehalten waren, sollen auf das Electra-Netz ausgeweitet werden. Gefunden und genutzt werden die Stationen über das Fahrzeug-Infotainment oder die Mercedes-App.

Mercedes-Ladelösungschef Nico Dettmer sieht die Kooperation als Erweiterung des Angebots. Das Ziel sei ein nahtloses Kundenerlebnis, unabhängig vom Antrieb. Wie lange die Premium-Partnerschaft läuft, ist offen. Tonini konnte dazu noch keine Angaben machen.

Umflaggen im Eiltempo

Die Umstellung läuft bereits. Am vergangenen Wochenende hat Electra die Mercedes-Ladestationen in sein eigenes Backend übernommen. Auf den Displays steht ein Hinweis auf den neuen Betreiber, und in mehreren Lade-Apps erscheinen die Standorte schon als Electra-Ladepunkte. In den kommenden Tagen werden die Bezahlterminals für Ad-hoc-Zahlungen getauscht. Danach bekommen die Säulen eine Folierung im Electra-Design, und die Mercedes-Sterne verschwinden. Personal wechselt nicht, wie Tonini betonte, übernommen werden nur Standorte und Kundenzugang.

Bilder: Mercedes-Benz Group AG

3 Kommentare
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Mick
44 Minuten zuvor

Was heißt denn Electra wird künftig Premium Partner? Die Ladeparks von Mercedes waren deutlich günstiger als die Premium Partner

Rainer
23 Minuten zuvor

Die Realität dürfte sein, dass man so ein Ladenetz nur schwer profitabel betreiben kann, wenn man so ziemlich alles zukaufen muss was zum Betrieb gehört.
Ich nehme mal an, Mercedes muss ja nicht nur die Ladestationen selber zukaufen sondern auch diverse Software um diese zu managen etc.

Andere haben das halt grösstenteils in-house. Da bleibt dann mehr von der Wertschöpfung in der eigenen Firma.

Thomas
2 Sekunden zuvor

Das ist nur konsequent. Und bestätigt all die, die damals schon die Frage gestellt haben, was MB eigentlich mit einem eigenen Ladenetz plant.