Mercedes-Benz will die Wochenarbeitszeit für rund 108.000 Beschäftigte in Deutschland von 35 auf 40 Stunden anheben – ohne Lohnausgleich. Der Vorstand kündigte an, künftig solle in allen Bereichen für das gleiche Geld mehr gearbeitet werden. Offiziell dient dies der Kostensenkung. Zunehmend wird jedoch gefragt, ob der Konzern damit auch gezielt Personal loswerden will – auf einem Weg, der ihm arbeitsrechtlich sonst verwehrt ist.
Kündigungsschutz bis 2034
Mercedes-Benz hat sich 2025 mit dem Betriebsrat auf die sogenannte Zukunftssicherung („ZuSi“) geeinigt: Sie schließt betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2034 aus. Personalabbau funktioniert damit praktisch nur noch freiwillig. Es gilt das Prinzip der „doppelten Freiwilligkeit“ – Mitarbeiter und Unternehmen müssen der Trennung gleichermaßen zustimmen.
Genau das schafft ein Motiv: Wer kündigen darf, muss Beschäftigte zum Gehen bewegen. Über das Abfindungsprogramm „Next Level Performance“ verließen zwischen April 2025 und März 2026 bereits rund 5.500 Mitarbeiter freiwillig den Konzern, teils mit Abfindungen über 500.000 Euro, um von den bis 2027 geplanten 5 Milliarden Euro Einsparungen rund 1 Milliarde über Personalabbau zu erreichen. Das Programm lief Ende März 2026 aus – ohne Verlängerung. Ein klassischer Abbauweg fehlt damit aktuell.
Erste Anzeichen für Druck
Bereits während des Abfindungsprogramms wurde einigen wechselwilligen Mitarbeitern die Zustimmung verweigert, weil ihr Know-how als unverzichtbar galt, während in anderen Abteilungen durch gezielte „Zweitgespräche“ Druck aufgebaut worden sein soll, um Beschäftigte zur Unterschrift zu bewegen. Kritiker sehen darin ein Muster: Wo Abfindungsanreize an Grenzen stoßen, könnte eine unbezahlte Arbeitszeitverlängerung als zusätzliches Mittel dienen, um Fluktuation zu erhöhen – ohne den Kündigungsschutz formal zu berühren.
Offizielle Begründung
Mercedes-Benz selbst verweist ausschließlich auf Wettbewerbsfähigkeit. Aufsichtsratschef Martin Brudermüller argumentiert, deutsche Arbeitskosten seien international nicht mehr konkurrenzfähig; Gehaltskürzungen seien praktisch nicht durchsetzbar, weshalb nur der längere Arbeitstag bleibe. Hintergrund ist auch der Ergebniseinbruch: 2025 halbierte sich der Konzerngewinn auf 5,3 Milliarden Euro.
Diese Erklärung schließt ein Verdrängungsmotiv nicht aus – Kostensenkung pro Kopf und Reduktion der Kopfzahl könnten parallel verfolgt werden. Eine Bestätigung von Unternehmensseite, dass die Arbeitszeit gezielt zum Personalabbau eingesetzt wird, gibt es erwartungsgemäß nicht. Es bleibt somit eine Interpretation von Beobachtern, keine belegte Tatsache.
Widerstand wächst
Der Gesamtbetriebsrat lehnt die Pläne ab, tausende Beschäftigte demonstrierten Anfang Juli, IG-Metall-Chefin Christiane Benner kündigte Widerstand an. Da die 35-Stunden-Woche tarifvertraglich abgesichert ist, braucht Mercedes-Benz für eine flächendeckende Ausweitung die Zustimmung der Gewerkschaft. Aus Gewerkschaftskreisen heißt es, Zugeständnisse bei der Arbeitszeit gebe es nur gegen handfeste Standort- und Beschäftigungsgarantien. Ob die 40-Stunden-Woche kommt – und ob sie primär der Produktivität dient oder als zusätzlicher Hebel zum Personalabbau wirkt – entscheidet sich in den nächsten Verhandlungsrunden.
Symbolbilder: Mercedes-Benz Group AG







