Das vernetzte Automobil ist heute eine Selbstverständlichkeit. Vor 25 Jahren ist das noch ganz anders. Damals betritt Mercedes-Benz mit einer Technologie Neuland: Im Januar 1997 stellt die Marke die Serienausführung des automatischen Notrufsystems TELEAID vor. Die Bezeichnung (nach der Markteinführung zunächst getrennt geschrieben als TELE AID) steht für „Telematic Alarm Identification on Demand“. Es soll Polizei sowie Rettungsdienste verständigen und sie an den Einsatzort lotsen. Denn je kürzer die Rettungszeit, desto geringer die gesundheitlichen Folgen nach einem schweren Unfall. Erhältlich ist TELEAID ab Herbst 1997 zunächst in der S-Klasse und den CL-Coupés der Baureihe 140, bevor auch andere Modelle damit ausgestattet werden. Eine Vorpremiere des Systems findet schon 1993 in der Fahrzeugstudie Vision A 93 statt, noch unter dem Namen ARTHUR (Automatic Radiocom Communication System for Traffic Emergency Situations on Highways and Urban Roads).

Das automatische Notrufsystem entsteht im Rahmen des europäischen Entwicklungsprojekts PROMETHEUS. „Damals herrschte eine Aufbruchstimmung, um Elektronik und Informatik mit Telekommunikation zur Telematik zu verbinden“, erinnert sich Prof. Hermann Gaus, ehemaliger Leiter der Bereiche Gesamtfahrzeug und Elektrik/Elektronik bei Mercedes-Benz. „Daraus ergaben sich vollkommen neue Möglichkeiten auch im Automobilsektor. Die Idee für den automatischen Notruf kam in den 1980er-Jahren auf. Doch die technischen Voraussetzungen waren noch nicht ausreichend vorhanden.“

Das ändert sich in den 1990er-Jahren durch die Einführung zentraler Komponenten. So wird die GPS-Satellitenortung (Global Positioning System) zunehmend in zivilen Anwendungen genutzt – Mercedes-Benz stellt 1995 in der S-Klasse das Navigationssystem Auto-Pilot-System APS als bahnbrechende Innovation vor. Auch digitale Mobiltelefone finden vermehrt Verbreitung. Crashsensoren nutzt Mercedes-Benz schon geraume Zeit, etwa zum Auslösen von Airbags und Gurtstraffern. Das alles in Kombination plus entsprechende Steuergeräte mit Software bringen den Durchbruch: Detektieren die Crashsensoren einen Unfall, kann TELEAID automatisch über das Funktelefon unter anderem die Fahrzeugposition, die Fahrtrichtung sowie die Anzahl der Fahrzeuginsassen an eine Notrufzentrale übermitteln und versucht außerdem eine Sprechverbindung aufzubauen. So kann die Notrufzentrale direkt die Lage vor Ort prüfen – oder, wenn sich der Fahrer nicht meldet, Hilfe organisieren. Ein weiterer Meilenstein der Sicherheitsentwicklung ist geschafft. Per Knopfdruck auf die „SOS“-Taste in der Bedieneinheit im Dach lässt sich der Notruf auch jederzeit manuell auslösen.

Mehrere Jahre Entwicklung bis zum serienreifen System

Bis zum serienreifen, im Januar 1997 vorgestellten System dauert die Entwicklung freilich mehrere Jahre. Viele Details sind zu klären, etwa die Art der Datenübermittlung. Mercedes-Benz entscheidet sich für ein „Unfalltelegramm“ mit allen relevanten Informationen, das über den SMS-Kanal an die Notrufzentrale des Systems geschickt wird. Gaus setzt die Idee durch, dafür ausschließlich ein fest eingebautes Telefon und kein loses Handy zu nutzen. „Nur mit einem zuverlässig verfügbaren Telefon kann das System eine verlässliche Funktion bieten“, argumentiert Gaus. „Denn ein Handy ist vielleicht gerade ausgeschaltet oder nicht an Bord.“ TELEAID kommt zunächst in Deutschland und den USA auf den Markt, kurze Zeit später dann in Japan.

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„Eine wichtige Voraussetzung war auch das Einrichten von Notrufzentralen, die sogenannten ‚Backends‘“, erinnert sich Ralf Piske, damals wie heute Entwicklungsingenieur im Mercedes-Benz Technology Center in Sindelfingen. „Zusammen mit Bosch haben wir das für Deutschland geschafft. In den USA konnten wir auf bereits vorhandene Notrufzentralen zurückgreifen. Auch Japan konnte erschlossen werden. Der nächste Schritt war dann aber auch nicht trivial: Das Ausweiten des Konzepts auf andere europäische Länder.“ Auch das gelingt. Ab Frühjahr 2004 steht TELEAID in neun Ländern Europas zur Verfügung.

Wie so oft bei zukunftsweisender Technologie: Sie hat es nicht einfach, sich im Markt durchzusetzen. TELEAID stößt in Europa wegen einer „Henne-Ei-Problematik“ immer wieder an wirtschaftliche Grenzen. Das System muss als Sonderausstattung inklusive teuren, fest ins Fahrzeug eingebauten Funktelefons erworben werden, für das zudem ein Mobiltelefonvertrag erforderlich ist – eine für den Handel sehr komplexe Vermarktung und auch aufwendig bei einem Fahrzeugwechsel. So bleiben die Kundenzahlen hinter den Plandaten zurück und die Finanzierung der Notrufzentralen schwierig. 2005 stellt Mercedes-Benz das Notrufsystem in Europa für einige Jahre ein. Anders in den USA, dort läuft es seit dem Start ununterbrochen bis heute durch. Denn dort sind Festtelefone im Auto viel verbreiteter, und auch die Offenheit, für ein sicherheitsförderndes System Geld zu bezahlen, ist umfassender.

Ein grundlegend neues System ab 2012

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Doch Mercedes-Benz bleibt von der Grundidee überzeugt und verliert sie nicht aus den Augen. Ab den 2010er-Jahren haben sich weltweit die Voraussetzungen geändert, und auch die technischen Komponenten sind preisgünstiger geworden: Nach und nach erhält jedes Auto ein fest eingebautes Funkmodul und macht es somit unabhängig vom Mobiltelefon des Kunden.

„Das hat den Neuanfang ermöglicht. Der heutige automatische Notruf von Mercedes-Benz ist mit kompletter Funktionalität fest im Auto vorhanden und wachsam wie beispielsweise der Airbag. Die Notrufübermittlung funktioniert viel schneller als früher. Es ist kein zusätzlicher Kommunikationsvertrag mehr notwendig. Das sind wichtige Vorteile und Vereinfachungen – für Kunden, Händler und auch Backend-Betreiber“, beschreibt Achim Mueller. Der Projektleiter für den Mercedes-Benz Notruf im MTC rollt das neue System zusammen mit seinen Kollegen ab 2012 zunächst in Europa aus. Andere Märkte folgen, etwa 2016 China, 2017 Japan sowie Südkorea und 2019 Indien. Auch in den USA ersetzt die neue Generation die bisherige Technik. Insgesamt sind es heute 53 Märkte. „Das Geschäftsmodell ist insgesamt jetzt so effizient, dass der Mercedes-Benz Notruf massenmarktfähig geworden ist“, fasst Mueller zusammen.

Viele Vorteile durch verbesserte Technologie

Weiterhin nutzt es den SMS-Kanal der Mobilfunknetze, weil dieser in allen Netzgenerationen verwendbar ist. Hinzu kommt die parallele Datenübermittlung im Sprachkanal. Diese Kombination erhöht die Verfügbarkeit deutlich. Denn bei schwachem Mobilfunknetz wird oftmals ein Sprachanruf nicht mehr aufgebaut, eine SMS aber gerade eben noch übermittelt. Da ältere Mobilfunknetze sukzessive abgeschaltet werden und solche mit neuen Standards sie ablösen, arbeiten die Experten bereits an einer Lösung, die Unfalldaten über die Signalisierungskanäle von IP-basierten Sprachanrufen in 4G- und 5G-Mobilfunknetzen zu übertragen.

Die grenzüberschreitende Funktion ist erheblich vereinfacht. Denn in der Notrufhardware im Auto ist jetzt die Information über die Landessprache des Fahrers hinterlegt und Bestandteil des Notruftelegramms. Ist er im Ausland unterwegs, wird er aus der Notrufzentrale seines Heimatlands in seiner Muttersprache angesprochen. Ist Hilfe vor Ort erforderlich, informiert ein zweiter Agent die Notrufzentrale im Aufenthaltsland in der entsprechenden Sprache, damit schnell Unterstützung an den Unfallort geleitet werden kann.


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Der Mercedes-Benz Notruf wird ständig weiterentwickelt. So kann er nun manuell nicht nur per Tastendruck, sondern über MBUX auch über die Sprachbedienung ausgelöst werden. Und im Autonomiezeitalter ist er auch längst angekommen: Legt bei einer assistierten Fahrt der Fahrer nach mehrmaliger Aufforderung die Hände nicht wieder ans Lenkrad, leitet das Fahrzeug einen Nothalt ein und löst automatisch den Notruf aus.

Einmal mehr erfolgreiche Pionierarbeit von Mercedes-Benz

Zunächst mit TELEAID und auch mit den Nachfolgesystemen hat Mercedes-Benz einmal mehr erfolgreiche Pionierarbeit für die Fahrzeugsicherheit geleistet. Die Bedeutung des automatischen Notrufs wird so hoch eingeschätzt, dass die Europäische Union ein eCall-System für alle ab April 2018 neu in der Union typzugelassenen Fahrzeuge zur Pflicht gemacht hat. Dieses nutzt derzeit einzig den Sprachkanal.

So hat ein in der EU ausgelieferter Mercedes-Benz heute zwei Systeme: Der Notruf wird zunächst über die eigene Technik sowohl als SMS wie auch über den Sprachkanal ausgelöst. Das ebenfalls vorhandene EU-eCall-System fungiert als Rückfallebene. Eine umfassende Lösung – mit dem identischen Ziel wie in den Frühtagen des Mercedes-Benz Notrufs, dass im Fall des Falles so schnell wie möglich Hilfe gerufen wird.

Quelle: Daimler AG / Mercedes-Benz AG