Mercedes erhöht Druck: Werksschließung als Drohkulisse im Streit um Lohnkosten

Bei Mercedes-Benz kursiert ein drastisches Szenario: Stimmt der Betriebsrat geplanten Lohnkürzungen nicht zu, will der Konzern – nach Informationen der Wirtschaftswoche – stärker in Osteuropa investieren und im Gegenzug einen deutschen Standort schließen. Welches Werk betroffen wäre, ist offen.

Konzern unter wirtschaftlichem Druck

Mercedes-Benz kämpft mit sinkenden Erträgen: Im ersten Quartal 2026 fiel der Umsatz um 5 Prozent auf 31,6 Milliarden Euro, das operative Ergebnis (Ebit) brach um 16,8 Prozent auf 1,9 Milliarden Euro ein. Schwache Verkaufszahlen in China, gedämpfte Nachfrage in Europa und drohende Handelszölle setzen dem Konzern zu, während gleichzeitig hohe Summen in die Elektromobilität fließen. Um gegenzusteuern, treibt das Management einen harten Sparkurs voran: Im Programm „Next Level Performance“ sollen bis 2027 insgesamt rund fünf Milliarden Euro pro Jahr eingespart werden, ein Großteil davon durch Personalabbau.

Sichtbar wurde das bereits über ein freiwilliges Abfindungsprogramm: Zwischen April 2025 und Ende März 2026 verließen rund 5.500 Beschäftigte den Konzern, angeboten wurde das Programm rund 40.000 Mitarbeitenden außerhalb der Produktion – etwa in Verwaltung, Entwicklung und IT. Teilweise sollen Abfindungssummen von mehr als 500.000 Euro geflossen sein. Ende März 2026 lief das Programm aus, ohne dass es verlängert wurde – ein klassischer Weg zum Stellenabbau fehlt dem Konzern damit vorerst.

Streit um Arbeitszeit und Lohn

Zusätzliche Brisanz erhält der Konflikt durch die Forderung des Managements um Konzernchef Ola Källenius nach einer Rückkehr zur 40-Stunden-Woche bei gleichem Lohn – die Beschäftigten in Deutschland sollen also fünf Stunden pro Woche mehr arbeiten, ohne mehr zu verdienen. Der Gesamtbetriebsrat und die IG Metall lehnen das strikt ab. Sie werten den Vorstoß auch als Versuch, über die Hintertür weiteren Stellenabbau zu erzwingen: Da die 2025 vereinbarte „Zukunftssicherung“ (ZuSi) betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2034 ausschließt, funktioniert Personalabbau derzeit praktisch nur noch über das Prinzip der „doppelten Freiwilligkeit“ – schlechtere Arbeitsbedingungen könnten also gezielt die Fluktuation erhöhen.

Vor diesem Hintergrund steht nun ein deutlich schärferes Szenario im Raum: Lehnt der Betriebsrat Lohnkürzungen ab, könnte Mercedes Investitionen verstärkt nach Osteuropa verlagern und zusätzlich im Gegenzug einen deutschen Standort schließen. Das widerspräche bisherigen offiziellen Aussagen – Finanzvorstand Harald Wilhelm hatte zuletzt betont, eine Werksschließung in Deutschland sei nicht geplant. Die aktuelle Zuspitzung deutet darauf hin, dass diese Zusage im Zuge der Verhandlungen zumindest als Druckmittel infrage gestellt wird.

Ungarn als Nutznießer

Wohin Produktion und Investitionen abwandern könnten, zeigt der Blick nach Kecskemét in Ungarn. Dort investiert Mercedes über vier Jahre rund eine Milliarde Euro und baut den Standort zu einem der größten Produktionswerke des Konzerns weltweit aus – auf bis zu 200.000 bis 400.000 Fahrzeuge pro Jahr, je nach Ausbaustufe. Die Herstellungskosten liegen dort nach Unternehmensangaben sogar rund 70 Prozent unter dem deutschen Niveau. Bereits umgesetzt wurde die Verlagerung der A-Klasse-Fertigung von Rastatt nach Kecskemét; ein weiteres Kompaktmodell (miniG bzw. LittleG) soll künftig ebenfalls dort statt in Deutschland gebaut werden. Parallel soll die Produktionskapazität an deutschen Standorten in den kommenden drei Jahren um rund 100.000 Einheiten sinken.

Mercedes ist mit dieser Strategie nicht allein: Auch BMW hat mit einem neuen Werk in Debrecen in Osteuropa investiert. Der Trend zur Verlagerung deutscher Automobilproduktion nach Osteuropa – bei gleichzeitigen Sparprogrammen und Arbeitsplatzabbau in Deutschland – prägt derzeit die gesamte Branche, ähnliche Konflikte um Standorte und Beschäftigung gibt es parallel auch bei Volkswagen.

Widerstand von Belegschaft und Gewerkschaft

Der Kurs des Managements stößt auf erheblichen Widerstand. Im Sommer 2026 protestierten Tausende Mercedes-Beschäftigte an zahlreichen deutschen Standorten – darunter Sindelfingen, Untertürkheim, Bremen, Rastatt, Kuppenheim, Berlin, Düsseldorf, Ludwigsfelde und Germersheim – gegen Stellenabbau, längere Arbeitszeiten und drohende Standortverlagerungen. Die IG Metall wirft der Konzernführung vor, mit einseitigen Ankündigungen Druck aufzubauen, statt gemeinsam mit Betriebsrat und Gewerkschaft tragfähige Lösungen für die Standorte zu erarbeiten.

Produktion in Ungarn

Wie der Streit um Lohnkosten und die Zukunft der deutschen Werke ausgeht, ist derzeit noch offen. Fest steht: Der Ton zwischen Konzernführung und Arbeitnehmervertretung hat sich spürbar verschärft, und die Drohkulisse einer möglichen Werksschließung dürfte die anstehenden Verhandlungen zusätzlich mehr als belasten.

Symbolbilder: Mercedes-Benz Group AG