Von der Grundsteinlegung bis zur offiziellen Eröffnung der Werkserweiterung von Mercedes in Kecskemét vergingen acht Jahre. In dieser Zeit standen wesentliche Teile der neuen Produktionsinfrastruktur in Kecskemét weitgehend ungenutzt – ein ungewöhnlicher Vorgang für ein Milliardenprojekt der Automobilindustrie.
Ein ambitioniertes Projekt
Als Mercedes-Benz im Juni 2018 den Grundstein für die Erweiterung seines Werks im ungarischen Kecskemét legte, sollte alles schnell gehen. Rund eine Milliarde Euro investierte der Konzern in zusätzliche Produktionskapazitäten. Das zweite Werk sollte die Fertigung ausbauen und den Standort langfristig zu einem zentralen Pfeiler des europäischen Produktionsverbunds machen.
Bereits 2019 waren bereits erste zentrale Anlagen fertiggestellt. Dazu gehörte insbesondere die neue Lackiererei – eine der technisch anspruchsvollsten und kapitalintensivsten Einrichtungen eines Automobilwerks. Der Produktionsstart war ursprünglich deutlich früher vorgesehen als die letztliche Eröffnung im Juli 2026.
Jahre ohne reguläre Produktion
Doch das Projekt in Kecskemét geriet ins Stocken. Zunächst änderten sich die Marktbedingungen, anschließend stellte Mercedes seine Modell- und Produktionsstrategie grundlegend auf Elektromobilität um. Hinzu kamen die ungeplanten Auswirkungen der Corona-Pandemie und anhaltende Störungen der Lieferketten.
Die Folge war ein ungewöhnlicher Zustand: Wesentliche Teile der neuen Fabrik standen über Jahre ohne reguläre Serienproduktion bereit. Während Automobilhersteller neue Werke normalerweise möglichst rasch auslasten, blieb Kecskemét lange hinter den ursprünglichen Planungen zurück.
Besonders sichtbar wurde dies an der Lackiererei. Die Anlage war bereits Jahre vor der offiziellen Werkseröffnung fertiggestellt, kam jedoch nicht im ursprünglich geplanten Umfang zum Einsatz.
Fremdnutzung wurde geprüft
Nach Informationen aus dem Unternehmensumfeld suchte Mercedes zwischenzeitlich sogar nach Möglichkeiten, die ungenutzten Kapazitäten wirtschaftlich einzusetzen. So wurde geprüft, Karosserien aus anderen europäischen Werken nach Kecskemét zu transportieren und dort lackieren zu lassen.
Dass ein solcher Schritt überhaupt erwogen wurde, unterstreicht den außergewöhnlichen Charakter des Projekts. Lackierereien gehören zu den teuersten Produktionsbereichen eines Automobilwerks. Sie für andere Standorte einzusetzen, wäre ein Hinweis darauf gewesen, dass die ursprünglich geplante Auslastung auf Jahre hinaus nicht erreicht werden konnte. Letztlich wurde dieses Konzept jedoch nicht umgesetzt.
Teurer Leerstand
Für Mercedes hatte die Verzögerung nicht nur organisatorische, sondern auch betriebswirtschaftliche Folgen. Eine Milliardeninvestition bindet Kapital – unabhängig davon, ob bereits Fahrzeuge produziert werden. Gebäude und technische Anlagen müssen instand gehalten, konserviert und teilweise bereits modernisiert werden, obwohl sie noch keine Umsätze erwirtschaften.
Hinzu kommt die Bilanz. Soweit einzelne Gebäude oder Anlagen bereits fertiggestellt und bilanziell aktiviert waren, fielen Abschreibungen an, obwohl die Investition ihren eigentlichen wirtschaftlichen Zweck noch nicht erfüllte. Gleichzeitig war erhebliches Kapital über Jahre gebunden, ohne den ursprünglich geplanten Ertrag zu erwirtschaften. Wie hoch diese Belastungen im Einzelnen ausfielen, hat Mercedes bislang nicht offengelegt.
Strategiewechsel statt Fehlplanung?
Mercedes-Benz begründet die Verzögerungen in Kecskemét mit der umfassenden Neuausrichtung seines Produktionsnetzwerks. Die ursprünglich geplante Fabrik wurde an neue Fahrzeugplattformen und flexible Fertigungskonzepte angepasst. Heute kann das Werk Modelle mit unterschiedlichen Antriebsarten auf gemeinsamen Produktionslinien herstellen und gilt als wichtiger Baustein der künftigen Konzernstrategie.
Dennoch wirft der lange Zeitraum Fragen auf. Zwischen Grundsteinlegung und Eröffnung vergingen acht Jahre – ungewöhnlich lang selbst für ein Großprojekt dieser Größenordnung. Dass zentrale Anlagen über Jahre weitgehend ungenutzt blieben, zeigt, wie tiefgreifend der Strukturwandel die Automobilindustrie erfasst hat.
Ein Lehrstück für die Industrie
Der Fall Kecskemét ist mehr als die Geschichte einer verspäteten Werkseröffnung. Er verdeutlicht die Risiken milliardenschwerer Industrieinvestitionen in einer Zeit technologischer Umbrüche. Was 2018 als Erweiterung für eine wachsende Fahrzeugproduktion geplant wurde, musste unterwegs mehrfach neu gedacht werden.
Die offizielle Eröffnung im Juli 2026 markiert deshalb nicht nur die Inbetriebnahme eines neuen Werks. Sie beendet zugleich eine außergewöhnlich lange Phase, in der erhebliche Teile einer hochmodernen Produktionsinfrastruktur auf ihren eigentlichen Einsatz warteten – mit entsprechenden Kosten für Kapitalbindung, laufende Unterhaltung und möglicherweise Abschreibungen auf bereits aktivierte Anlagen.
Bilder: Mercedes-Benz Group AG








