Ein Werk reicht offenbar nicht mehr. Im eskalierenden Machtkampf zwischen Mercedes-Benz und seiner Belegschaft hat Produktionsvorstand Michael Schiebe die Drohkulisse nun ausgeweitet – und rückt damit gleich zwei Standort-Kategorien ins Fadenkreuz: ein komplettes Fertigungswerk und die Zulieferbetriebe dahinter. Was als knallharte Verhandlungstaktik verkauft wird, nennen Insider offen „Erpressung“.
Der Trumpf in der Hinterhand: Ungarn
Der Hebel, mit dem Schiebe operiert, sitzt 900 Kilometer östlich von Stuttgart. Mitte Juli verdoppelte Mercedes die Kapazität seines Werks im ungarischen Kecskemét auf 400.000 Fahrzeuge – und Schiebe machte im Interview unumwunden klar: Die Produktion dort ist rund 70 Prozent billiger als in Deutschland. Arbeitskosten, Energiekosten, längere Arbeitszeiten, weniger freie Tage, weniger Krankheitstage – die Liste seiner Gründe liest sich wie eine Kampfansage an den Standort Deutschland selbst. Ob die Art der Verhandlung von Schiebe noch die feine Art ist, ist wenig fraglich.
Kecskemét ist längst kein Nebenschauplatz mehr: Dort läuft schon die elektrische C-Klasse vom Band, bald soll dort der elektrische GLC folgen – exklusiv gefertigt, während deutsche Werke zusehen (wie wir auch mehrfach schon berichtet hatten).
Die Drohung, die keiner offiziell ausgesprochen haben will
Nach Recherchen der „WirtschaftsWoche“ soll ein Mercedes-Vorstandsmitglied es Betriebsräten unmissverständlich vor Augen geführt haben: Kommt kein Entgegenkommen bei den Lohnkosten, entsteht ein neues Werk in Osteuropa – und ein deutscher Standort wird schlicht überflüssig. Ein Insider nannte das gegenüber dem Magazin eine „extreme Drohung“, ein anderer sprach unverblümt von Erpressung. Offiziell bestätigt ist nichts, dementiert aber auch nicht.
Und genau hier wird aus der Drohung ein Zwei-Werke-Problem: Eskaliert der Streit weiter, träfe es laut Berichten nicht nur ein Montagewerk (z.B. Rastatt oder Bremen), sondern auch die Komponentenwerke, die dessen Produktion überhaupt erst möglich machen – im Gespräch sind hier Untertürkheim und Hamburg. Als Standort für ein mögliches zusätzliches Osteuropa-Werk kursiert zudem das rumänische Sebeș, wo die Kosten sogar 82 Prozent unter deutschem Niveau liegen sollen.
Fünf Stunden mehr – für null Euro mehr
Am Verhandlungstisch liegt eine Forderung, die für Zündstoff sorgt: 40 statt 35 Stunden pro Woche, ohne einen Cent Lohnausgleich. Dazu stehen Weihnachts- und Urlaubsgeld zur Disposition – eine Sonderzahlung wurde bereits kassiert. Aufsichtsratschef Martin Brudermüller findet das „absolut zumutbar“. IG Metall und Betriebsrat sehen das naturgemäß anders – und verweisen darauf, dass eine solche Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich rechtlich nur bei nachgewiesener Notlage zulässig wäre, nicht als Sparinstrument im laufenden Betrieb.
Lächeln beim Produktionsstart, Angst im Werk
Wie zynisch die Lage inzwischen wirkt, zeigte sich zuletzt ausgerechnet in Rastatt: Schiebe feierte dort öffentlichkeitswirksam und Lächelnd den Produktionsstart des neuen GLA – während im selben Werk die Angst vor der eigenen Schließung umging. Demnach rechnet sich selbst noch eine Werkschliessung in Rastatt, trotz kürzlicher Investion vor Ort für die Produktionsumstellungen auf ein neues Modell.
Eine klare Entwarnung gab es von Mercedes nicht. Verschärfend kommt hinzu, dass Finanzvorstand Harald Wilhelm erst kurz zuvor versichert hatte, eine Werksschließung in Deutschland stehe gar nicht zur Debatte – ein Versprechen, das durch die aktuelle Drohkulisse zur Verhandlungsmasse degradiert wird. Immerhin: Eine bis 2035 vertraglich zugesicherte Beschäftigungssicherung setzt der Drohung rechtlich enge Grenzen.
Symbolbilder: Mercedes-Benz Group AG







