Seit Ende 2021 sind Mercedes-Benz-Pkw und Mercedes-Benz-Lkw zwei getrennte Unternehmen. Trotzdem fahren beide unter demselben Stern. Der Grund dafür ist eine vertragliche Regelung, um die sich seit Jahren Halbwissen rankt.
Wer auf der Autobahn einen Actros überholt wird oder eine S-Klasse an der Ampel neben sich hat, sieht in beiden Fällen dasselbe Emblem im Kühlergrill: den dreizackigen Stern. Was viele nicht wissen: Hinter Pkw und Lkw stehen längst zwei völlig unabhängige, börsennotierte Konzerne – und doch teilen sie sich bis heute dasselbe Markenzeichen. Doch warum ist das so ?
Eine Trennung in zwei Schritten
Ende 2021 vollzog der frühere Daimler-Konzern einen der größten Umbauten seiner Geschichte. Die Aktionäre stimmten am 1. Oktober 2021 auf einer außerordentlichen Hauptversammlung mit überwältigender Mehrheit der Aufspaltung zu. Rechtlich wirksam wurde die Abspaltung der Lkw-Sparte durch Eintragung ins Handelsregister am 9. Dezember 2021; seit dem 10. Dezember 2021 wird die neue Daimler Truck Holding AG eigenständig an der Frankfurter Börse gehandelt. Der zweite Schritt folgte erst zwei Monate später: Zum 1. Februar 2022 benannte sich die verbliebene Daimler AG offiziell in Mercedes-Benz Group AG um. Seither haben beide Unternehmen eigene Vorstände, eigene Aktien und eigene Strategien.
Für die Konzernspitze war bereits damals klar: Eine reine organisatorische Trennung reicht nicht. Auch Namen und Logo mussten neu verteilt werden – schließlich steckt in beiden über ein Jahrhundert Markengeschichte und entsprechend viel wirtschaftlicher Wert.
Der Deal: Stern kostenlos, Name gekauft
Im sogenannten Konzerntrennungsvertrag vom August 2021 einigten sich beide Seiten auf eine klare Aufteilung. Die Markenrechte am Stern blieben bei der künftigen Mercedes-Benz Group. Der Daimler Truck AG räumte man dafür – so die wörtliche Formulierung aus dem Vertrag – das „unentgeltliche, zeitlich unbeschränkte, einfache Recht“ ein, die Marke „Mercedes-Benz“ sowie das „Dreizack-Stern“-Logo auf ihren eigenen Produkten zu verwenden. Die Nutzung des Sterns kostet die Lkw-Sparte also nichts.
Im Gegenzug ging der traditionsreiche Name „Daimler“ an die neue Truck-Gesellschaft – für einen konkreten Preis: 9,7 Millionen Euro zuzüglich Umsatzsteuer zahlte die Daimler Truck AG für alle eingetragenen und durch Benutzung erworbenen Rechte an der Marke „Daimler“ samt zugehöriger Markenfamilien und entsprechenden Domains. Deshalb heißt der frühere Daimler-Konzern seit Februar 2022 Mercedes-Benz Group und trägt den Namen seines Gründers nicht mehr.
Ein weiterer, in der Berichterstattung oft mit der Stern-Lizenz verwechselter Posten betraf etwas anderes: Für den Zugriff auf das bestehende Patentportfolio der Daimler AG musste die Truck-Sparte einmalig 38,4 Millionen Euro zuzüglich Umsatzsteuer zahlen. Dieser Betrag bezog sich laut damaliger Handelsblatt-Berichterstattung auf technische Patente, nicht auf das Markenrecht am Stern selbst – auch wenn mehrere andere Medien die beiden Sachverhalte in ihrer Berichterstattung vermengt und die 38,4 Millionen fälschlich als „Preis für den Stern“ dargestellt haben.
Zwei Unternehmen, ein Symbol
Das Ergebnis ist eine ungewöhnliche Konstellation: Zwei rechtlich und wirtschaftlich unabhängige Konzerne treten am Markt mit demselben Symbol auf. Die Mercedes-Benz Group verantwortet Pkw und Vans. Die Daimler Truck AG bündelt dagegen mehrere Nutzfahrzeugmarken – neben Mercedes-Benz etwa Freightliner, Western Star, FUSO, BharatBenz und RIZON. Das kostenlose Nutzungsrecht am Stern gilt dabei jedoch nur für das Lkw- und Busgeschäft unter der Marke Mercedes-Benz, nicht für die übrigen Marken des Konzerns.
Warum überhaupt am Stern festhalten?
Aus Sicht der Truck-Sparte war die Vereinbarung ein klarer Gewinn. Der Stern zählt zu den bekanntesten Markenzeichen der Automobilwelt: Bereits 1909 ließ die Vorgängerfirma Daimler-Motoren-Gesellschaft (DMG) erstmals ein Sternsymbol als Warenzeichen eintragen, ab 1910 zierte er die Kühler der Fahrzeuge. Mit der Fusion von Daimler und Benz zur Daimler-Benz AG im Jahr 1926 entstand das bis heute nahezu unveränderte Emblem aus Stern und Lorbeerkranz. Ein Verzicht auf den Stern hätte für die Daimler Truck AG bedeutet, auf über 100 Jahre aufgebautes Kundenvertrauen im Lkw-Geschäft zu verzichten. Das Unternehmen selbst verknüpft den Stern bis heute mit Qualität, Zuverlässigkeit und Wirtschaftlichkeit seiner Fahrzeuge.
Auch für die Mercedes-Benz Group zahlt sich die Vereinbarung aus: Solange der Stern weltweit auf Lastwagen unterwegs ist, bleibt die Marke auch außerhalb des Pkw-Geschäfts präsent – eine Form von Dauerwerbung im Straßenverkehr.
Der Stern auf Mercedes-Benz-Lkw ist kein Überbleibsel aus alten Konzernzeiten, sondern das Ergebnis eines bewusst ausgehandelten, kostenlosen Lizenzrechts im Zuge der Konzerntrennung von 2021/2022. Die Mercedes-Benz Group bleibt rechtliche Eigentümerin des Symbols, die Daimler Truck AG darf es unentgeltlich weiter nutzen. Bezahlt hat die Truck-Sparte stattdessen für zwei andere Dinge: den eigenen Namen „Daimler“ und den Zugang zum technischen Patentportfolio. Für Kunden auf der Straße ändert das nichts: Der Stern bleibt, was er immer war – ein Versprechen auf Qualität, das beide Unternehmen bis heute unter demselben Zeichen einlösen möchten.
Bilder: Daimler Truck AG















